078_Orgiva – Dresscode & Hippies

0615 2013_01_31

Orgiva ist seit den 80ern das Ziel vieler alternativer Auswanderer, die sich auf den Hügeln um die Stadt niedergelassen haben. Donnerstags ist hier Wochenmarkt. Und an 15% der Stände verkaufen die Alternativen ihre Sachen. Friedliche Koexistenz. Die allermeisten sind Deutsche und Spanier, dann noch ein paar Engländer und Franzosen. Sie verkaufen Zeug, dass man auch auf Festivals an den Indien-Ständen kaufen kann. Manche verkaufen selbstgemachten Käse oder Olivenöl, dass in fiesen Behältern abgefüllt ist. Ganz arme haben selbst geflochtene Traumfänger und Kleinholz im Angebot.

Aber alle Aussteiger, Hippies und Rainbows sind sofort und klar erkennbar. Filzige Pullover, Bärte, viel Haar, gern als Rastaschopf, Indische Ketten, Lederzeugs um die Hüfte. Alle Frauen tragen diese tiefhängenden indonesischen Fischerhosen. Alle!
Erst einmal habe ich für solche Leute ja eine Grundsympathie. Einfach weil sie in meiner Jugend zu den Guten gehörten. Einfach weil sie noch andere Dinge wollen oder zu wollen vorgeben. Wo findet man schon sonst einen Marktstand der Solarmodule verkauft (zwar zum doppelten Internetpreis, aber immerhin.)

Das besondere an Orgiva ist, dass zu Markttagen die Freaks eine kritische Masse erreichen und eine eigene Gemeinschaft bilden. Man freut sich, man kennt sich und man trifft sich. Und man schließt sich ungreifbar gegen alle anderen ab, die den eigenen Dresscode nicht erfüllen. Es gibt so gut wie keine Gespräche zwischen normalen Einheimischen und den Alternativen. Hier ist mir noch mal ganz deutlich geworden ist, um was es beim alternativen Leben vor allem auch erst mal geht. Es geht um einen bestimmten Dresscode, der ist unausgesprochen vorgeschrieben und wer den einhält, gehört dazu.

Und ich habe, obwohl ich ja viel schlechter Spanisch spreche mehr das Gefühl gehabt, Kontakt mit den Einheimischen zu haben, als mit den Deutschen, die ja eigentlich von Kultur und Weltanschauung mir näher stehen sollten. Und so bekam ich zwar ein paar Gespräche. Aber in einer Art, die einen -ansatzlos spüren ließen: Du gehörst hier nicht dazu. Eine Frau sagte mir: Das ist hier sehr multikulti und erzählte einem anderen der dazugehörte von einem Guru aus Jamaika der in Portugal lebt. Multikulti gilt für alles mit Rastalocken. Oder den üblichen anderen Ausweisen des Nonkonformismus.
Die Art, wie mir einige dieser Leute gegenübertreten ist die leicht gönnerhafte Art von Konvertiten, die dir klarmachen wollen: ich hab den Weg gefunden, ich bin jetzt in einer anderen Welt. Glaube nicht, dass du da hinkommst, so wie du jetzt bist. So was kennt man sonst nur von 150% igen Buddhisten und zum Islam konvertierten Deutschen. Es hat etwas, dass ich nicht mag.

Ich glaube, dass es vor allem der Dresscode ist, der – ob solche Gruppen es wollen oder nicht – über die Zugehörigkeit bestimmt. Der Rest an Meinung und Position wird später aufgefüllt. Es ist im Prinzip wie bei einer Studentenverbindung. Wenn du ein Mützchen und ein Bändchen hast, gehörst du dazu, wenn du dann noch einen Schmiss – schlimme Tätowierungen oder Arschlange Rastalocken – hast, bist du der Held. Gruppe.
Mein Problem war immer, dass ich nicht wirklich eingesehen habe, dass es wichtig ist, sich dem Dresscode anzupassen. Bei Minderheiten viel mehr, als bei der Mehrheit, die sich Toleranz leisten kann, einfach, weil sie die Mehrheit ist. Mir ist aber klargeworden: Ich werde nie ein Freak sein. Ich wäre immer nur ein verkleideter Freak, selbst wenn ich es probierte. Vielleicht war ich aber auch immer nur ein verkleideter Geschäftsmann.
So meine Gedanken nach dem Wochenmarkt. Später bekam ich einen etwas tieferen Einblick in das Leben der Freaks und Aussteiger. Die teilen sich in unterschiedliche Fraktionen auf, ganz wie im normalen Leben und sind sich untereinander zum Teil auch nicht grün. Auch ganz wie im normalen Leben.

Zuerst fahre ich in das Beneficio Tal. Ein idyllisches Gebirgstal mit murmelndem Bach oberhalb von Orgiva. Zwei sympathische Freaks, die ich mitnehme, zeigen mir den Weg dorthin. Von einer kleinen Straße geht eine Schlaglochpiste ab, die zum Eingang des Tals führt. Hier parken die Wohnmobile und Autos der Besucher. Wen sehe ich dort entspannt vor den VW- Bussen sitzen? Die Jungs aus Witten! Hinter ihnen verliert sich der Weg in die Berge, gesäumt von Hippiebus-Wracks und Hütten, die südamerikanischen Favelas alle Ehre machen würden. Die Jungs sagen sagen, das was ich auf den ersten Blick auch vermute. Hier ist etwas seltsam hier.

Und es ist schön hier. Ich parke direkt an einem murmelnden Bach. Hinter einem verzauberten Wald weitet sich das Tal zu einer Ebene, die aussieht, wie das Auenland. Tipis stehen zwischen blühenden Mandelbäumen. Eine Steinspirale ist mit Kräutern bepflanzt und ein einem riesigen Versammlungstipi brennt ein Lagerfeuer. Es wird getrommelt. Ich setze mich dazu. Eine große „Friedenspfeife“ wird herumgereicht und mit bedeutsamen Zeremonien weitergegeben. Neben mir sitzt ein grimmiger Freak um die 60, der darauf achtet, dass die Regeln eingehalten werden. Kein Alkohol, kein Fleisch und die Füße nicht innerhalb des Feuerkreises stellen. Ob die dritte Regel magische oder sicherheitspraktische Gründe hat, erfahre ich nicht. Den Fehler mit den Füßen im Feuerkreis macht eine ältere Frau, die sich als Schamanin oder Hexe aufführt und seltsame Tänze aufführt und dazu unverständliche Worte brabbelt. Sie legt irgendwelche Kräuter unter die Matten, die um das Feuer liegen.

Hier liebe Kinder seht ihr, was aus einem wird, wenn man jahrelang Teufelstrompeten isst. Aber vielleicht fehlt mir der tiefere Einblick in die Dinge.

Der grantige Freak – der übrigens seiner Sprache nach aus dem Ruhrgebiet kommt – schimpfte am Tag davor über die bösen Forstarbeiter, die sich im Zauberwald zu schaffen machten und schickte ihnen die bösesten Verwünschungen hinterher. Etwas verständigere Leute meinten, die Forstarbeiter wären keine bösen Teufel, es ginge hier um Waldbrandprävention. Mir macht der grantige Freak am nächsten Tag mit Zeichen von Ferne deutlich, dass ich nicht fotografieren darf. Ich winke freundlich zurück und tue so, als würde ich nix verstehen.

Im Beneficio Tal sollen 200 bis 300 Leute wohnen. Je weiter man im Tal nach oben kommt, desto angenehmer werden die Hütten. Käme dort ein Hobbit um die Ecke, würde es mich nicht wundern. Es wäre aber ein armer Hobbit. Oft sind die Häuser phantasievoll aus diversen Resten gebaut. Manche sind wirklich schön anzuschauen, manche sehen mehr aus, wie die Buden, die Kinder und Jugendliche auf Abenteuerspielplätzen bauen.

Ich sehe einen sehr schönen kleinen Buckminster Fuller Dom, dessen Baumeister ich später kennenlerne. Drinnen ein junges Pärchen mir Rastalocken, die mir nichts über den Bau erzählen können, weil sie den Dom leer vorgefunden haben. Der Vorbesitzer hat ihn wohl aufgegeben. Der Junge spielt verträumt auf der Gitarre, die Jungfrau dreht seine Rastazöpfe zu einem Turban. Die Kuppel sieht gemütlich aus und im Vergleich zu den anderen Unterkünften sehr gut gebaut. Die neuen Bewohner haben einen Gemüsegarten von etwa drei Quadratmetern angelegt.

Das Tal wird vor allem von sogenannten Rainbows bewohnt. Eine Untergruppe von Aussteigern, die sich meist fern der Zivilisation zu „Rainbow Gatherings“ treffen. Dort wird dann gemeinsam getrommelt und getanzt. Die reale Welt, so erklärten mir später der Dombaumeister, der in einem anderen Tal wohnt, wird im wesentlichen ignoriert. „Die Rainbows kriegen den Arsch nicht hoch. Die ham nix und sind ständig am schnorren. Ich hab mir abgewöhnt ihnen zu helfen, nachdem sie mal mit meinem ganzen Werkzeug verschwunden sind, dass ich ihnen geliehen hatte, damit sie sich einen Dom bauen konnten. (der mit dem Pärchen.) Und ich brauch das Werkzeug, um mein Geld zu verdienen. Anscheinend sind die nach Indien verschwunden.“

Ich spreche mit zwei Jungs aus Deutschland, die eine Hütte hüten, dessen Erbauer gerade in den USA ist. Aus Bruchsteinen gebaut, über einem Wasserfall. Sieht ein wenig aus, wie Berghütten in Nepal. Ich frage sie, ob ich mir hier jetzt auch einfach ein Haus bauen könnte. Ja, das ginge, wenn ich mich mit den Nachbarn absprechen würde und einen schönen Platz finden würden. Das Baurecht im Auenland ist sehr übersichtlich.

Viel interne Organisation gibt es nicht. Nur bei schlimmen Verstößen gegen den Frieden – jemand klaut immer wieder – kann eine Versammlung im großen Tipi einberufen werden. Ansonsten guckt jeder, wie er klarkommt. Eigentlich ist das ja ganz und gar F.D.P. Sehr schlanke Verwaltung und der Staat hält sich raus.

Wem das alles hier gehört? Diese Frage aus der fremden kalten kapitalistischen Welt konnten sie mir beantworten. Ein kleiner Teil wurde mal von ein paar Leuten gekauft und freigegeben, der Rest ist quasi besetzt. Die Stadtverwaltung duldet, dass dort Leute wohnen. Das ist in Spanien übrigens nichts ungewöhnliches. Man kauft sich ein Stück Land, baut ein Haus in einer schönen Gegend auch wenn man es eigentlich nicht darf und zahlt dann 16000 Euro Strafe. Fertig. Der Bauantrag würde 6000 Euro kosten.

An einem Hügel sehe ich eine sehr romantische Freiluftbadewanne, geschützt von wilden Hecken und einige mehr oder weniger gelungene Häuser. Im Zentrum von Beneficio sehe ich das selbstgemalte Schild „Coffee“ Hier gibt es sogar ein Café! Eine kleine Terrasse Raum in dem eine Münchnerin sitzt, ein Baby auf dem Arm. Ihr Freund backt in der Küche kleine Pasteten mit Käse und Salami. Die Sonne scheint, allen geht es gut.

Man kann dieses Café auf zwei Arten wahrnehmen. Die Betreiber – zwei Münchner, die keinen Bock mehr auf ihre Arbeit als Steuerfachangestellte für einen Großkonzern hatten – sehen ihr Café, wahrscheinlich so wie jedes andere Café auch. Nur eben in wunderschöner Landschaft. Davon gehe ich aus, weil sie sich mit mir unterhalten, wie es ein Cafebesitzer in München tun würde. Den Bewohnern des Tals geht es ähnlich. Unbedarft hereinschneiende Leute wie ich, könnten zu der Auffassung gelangen, dass hier Kinder eine Bude gebaut haben und Café spielen. Der ganze Laden starrt vor Dreck, der Koch knuddelt Hund, Baby und Katzen während er seine kleinen Pasteten backt.

Alles ist aus Müll zusammengebaut. Der Kaffee wird in alten Schraubgläsern serviert. Und auf meinen 5 Euro Schein können sie nicht rausgeben. Als ich, nachdem sie mir erzählen, dass sie für das Baby immer genug zu essen hätten, für sich selbst aber nicht immer, sage, dass sie das Wechselgeld behalten können, freuen sie sich von Herzen, denn so könnten sie dann ein paar Vorräte kaufen und sich mal einen Liter Milch hinlegen, das gäbe dem Geschäft die nötige Sicherheit.

Wahrscheinlich leben wir alle in unseren kleinen selbst gezimmerten Welten. In Beneficio fällt das einem Bürgerlichen wie mir, nur sofort und ganz deutlich ins Auge. Hier wird viel bewusst oder unbewusst ignoriert und verdrängt.Wahrscheinlich ist das überall die Voraussetzung irgendwo dazuzugehören. Wie auch immer sie es schaffen – die beiden sagen, dass sie in diesen Leben sehr glücklich sind und froh, dem Hamsterrad in München entkommen zu sein. Und das glaube ich ihnen.

Für ihr Café in Beneficio haben sie zumindest keine Hypothek aufnehmen müssen, an denen sie die nächsten 30 Jahre abzahlen müssen. Sie erzählen mir, dass es sogar zwei Kaufläden im Tal gibt. Hier wird verkauft oder getauscht, man selbst produziert. Eier, Brot. Ab und zu Milch. Die Jungs aus Witten erzählen mir, dass sie von einem kleinen Jungen angesprochen wurden, die ihnen Gras im Tausch gegen Hundefutter angeboten hat. Gras zum rauchen.

Wenn ich hier einziehen würde, würde ich erst mal den Bach stauen einen Badeteich anlegen und ein Wasserkraftwerk bauen, um das Tal zu elektrifizieren. Ich glaube aber nicht, dass das bei den Hippies so gut angekommen wäre.

Der Kaffee im Schraubglas war übrigens gut und die frischgebackenen Pasteten lecker.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s