086_Tarifa – Karneval & Blick nach drüben

0777 2013_02_23

Kaum in Tarifa angekommen treffe ich die Christina wieder, die Frau, die ihren Hund das Spülen erledigen lässt. Wir gehen von Regen unterbrochen durch die Stadt und suchen das Haus ohne Dach, in dem Freaks und Aussteiger wohnen sollen. Wir finden es. Am südlichsten Punkt Europas steht ein besetztes Haus ohne Dach in dem ein paar Unentwegte hausen. Sturmregen pfeift um die Ruine als wir ankommen. Die Bewohner sitzen um ein Feuer auf dem eine Suppe köchelt aus „containertem“ Gemüse. Für alle die das Wort nicht kennen: Containern bedeutet bei Ladenschluss die Lebensmittel in Supermärkten abzuholen, die dort in den Container geworfen werden, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Es gibt eine Szene von Reisenden die mit Trampen, Containern und WUFEN fast völlig ohne Geld durch Europa reist. WUFEN ist, wenn man für Kost und Logis auf Ökobauernhöfen arbeitet. Wir lehnen die angebotene Suppe und den im Kreis gereichten Nachtisch höflich ab. Auch wenn das Haus kein Dach hat ist es drinnen doch sehr rauchig. Draußen lasse ich noch ein Erinnerungsfoto von mir machen: Weiter südlich geht es hier nicht mehr. Auch Christina fotografiere ich. Natürlich mit Hund. Später lerne ich noch Aline kennen. Eine deutsche Malerin in clever improvisierten Hundekostüm, die in Frankreich wohnt und mit einem alten Wohnmobil unterwegs ist. Aline ist zwar als Hund verkleidet, hat aber – große Ausnahme – keinen dabei. Das ist mir sehr sympathisch. Dazu malt sie auch noch gut.

Loszufahren war dann genau die richtige Entscheidung, denn in Tarifa ist Karneval. Aufgepasst, köllsche Jecken: In Andalusien hat man ganz pragmatisch die gleitende Karnevalszeit eingeführt. Wenn bei uns Karneval gefeiert wird, geht es auch in Cadiz so richtig rund. (Siehe oben.) – In den anderen Städten der Gegend dachte man sich: Wie blöd, wenn das alles gleichzeitig passiert. Verschieben wir doch unseren Karneval, dann haben alle mehr davon. So wird in Conil de la Frontera eine Woche nach Karneval Karneval gefeiert und in Tarifa zwei Wochen nach Karneval.

Und es wird richtig gut gefeiert. Auch hier sind die Spottlieder singenden Karnevalsgruppen der traditionelle Kern der Angelegenheit. Die denken sich jedes Jahr ein neues Thema aus, und verkleiden sich alle so: Zum Beispiel als französische Soldaten. (200 jähriges Jubiläum der Verteidigung von Cadiz durch die Franzosen gegen die Engländer), als Rentner, als Schönheitsköniginnen oder politisch völlig unkorrekt als Araber. Die machen sich über ihre in Sichtweite liegenden Nachbarn ganz wunderbar lustig. Würde bei uns sicher durch die Gleichstellungs-, Frauen und Genderbeauftragte sofort verboten. Ich lernte die singenden Möwen kennen, bekam ein Möwenkostüm übergestülpt und musste den Gesang mit Möwenschreien begleiten.

0101 2013_02_22

Die Tarifaner singen gut. Man versteht zwar nix – selbst Spanier, die nicht aus der Gegend kommen verstehen kaum etwas – aber die Botschaft kommt rüber. Alle haben Spaß, ich hab keine Schnapsleichen gesehen und die Kostüme sind richtig gut. Spanier treten gern in Gruppenkostümen auf. Als Waisenkinder, die el Gordo, die Jahreslotterie ziehen, als Nonnen mit Babys (ein Skandal um durch Nonnen geraubte Neugeborene zieht hier gerade seine Kreise.) – Als TV Wahrsager, die aber nicht Handlesen, sondern Fußlesen. Gut gefallen hat mir die Gruppe, die als Honoratioren (der Königsfamilie?) eine Parade abnahm. Und, so wie wir in Deutschland als Spanier gehen, gibt es Spanier, die als Deutsche gehen. Unglaublich. Aber ich hab es selbst gesehen.

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