091_Sevilla – Flameco & Stadtleben

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Sevilla. Der erste Eindruck: Sympathisch. Nach einer Fahrt kreuz und quer durch die Altstadt auf der Suche nach einem guten Parkplatz finde ich auf der anderen Flussseite im Stadtviertel Los Remedios einen Parkplatz in einer ruhigen Sackgasse. Zu Fuß sind es 15 Minuten zur Kathedrale. Ich finde ein freies W-LAN und stelle ein großes Marienbild hinter die Windschutzscheibe, um Autoknacker abzuhalten. Man sagt, dass viele Zigeuner in diesem Feld tätig sind und die sollen sehr religiös sein. Keine Ahnung ob es stimmt.

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Das Marienbild gab es mit Rahmen für einen Euro im Pfandleihverkauf. Auf dem Flohmarkt hab ich dann noch eine kleine Maria von Lourdes gekauft. Falls das nicht hilft, hab ich noch die Kaskoversicherung.

Gleich am ersten Abend finde ich mein Stammcafé. Ein Laden im Stil eines Wiener Caféhauses mit schönen Kacheln an den Wänden, gutem Kaffee und W-LAN. Sevilla macht den Eindruck einer Großstadt, in der sich gut leben lässt. Der Fluss mit dem erstaunlichen Namen Guadalquivir ist groß genug für Kreuzfahrtschiffe. Eins lag gestern direkt hinter meinem Parkplatz. Dem Fluss verdankt Sevilla, mal die reichste Stadt der Welt gewesen zu sein. Die Galeonen der Spanier brachten das Gold und Silber aus Südamerika den Fluss hinauf, das dann hier zu Münzen geschlagen wurde.

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Neben der Kathedrale steht das prächtige Archivo General de los Indias. Man kann es besichtigen, muss aber vorher durch eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Haben die Spanier etwa Angst vor einer späten Rache der Azteken? Heute ist das Archiv ein Museum. Von auch nur einer minimaler Kritik an der eigenen Kolonialvergangenheit findet sich keine Spur. Dafür Büsten der Konquistadoren in Gold

Die Spanier haben die ganze Kohle aus Südamerika verprasst. So wie die Florentiner Medici in der Renaissance alles Geld in Paläste gesteckt haben, muss hier ein
Großteil für die barocken Kirchen draufgegangen sein, die mit Kunst vollgestopft sind, dass sich die Effekte gegenseitig auslöschen. So kommt es, dass ich für die Besichtigung von Barockkirchen nicht länger als sieben Minuten brauche. Es  einfach zu viel Zeug. Aber selbst die kleinste Putte am Rande eines überbordenenden Altars, der einer von zwanzig in der Kirche ist, wird wahrscheinlich ein halbes Jahresgehalt eines Matrosen gekostet haben. Die hiesige Kathedrale ist noch heute die drittgrößte der Welt.

Wie auch immer: Wir haben 400 Jahre später noch etwas davon. Von dem Geld, das wir heute für irgendwelche Rettungen verprasst bekommen sieht in 400 Jahren keine Sau mehr was.

Ich hab eine Fotosammlung dramatischer Marienfiguren begonnen. Sehr ergiebig war die Eglesia de la Magdalena mit gut und gern 10 Marienaltären. Gibt es eigentlich schon ein Marienquartett? Man könnte verschiedene Rubriken anbringen: Menge des verwendeten Goldes. Pathos-punkte zwischen 0 und 100. Zahl der bestätigten Wunderheilungen. etc. Vielleicht sollte ich das dem neuen Papst mal vorschlagen?

Sevilla hat auch noch einen schönen Palast, den Alcasar mit einem noch schöneren Garten.

Dann gibt es noch ein Museum für schöne Künste. Das bedeutet hier 98% religiöse Kunst. Religiöse Kunst oberste Plätze zweite Liga. Das richtig gute Zeug ist im Prado.

Mich fasziniert ein Schlachtengemälde, auf dem eine Schlacht zu sehen ist, die an einem Meeresstrand mit Flussmündung stattfindet. Der Ort scheint nicht bekannt.
Das Museum nennt Sebastián Vranckx aus Amberes = Antwerpen als Maler (1573 – 1647) und als Titel Batalla (gegen 1640)

Für mich sieht das sehr nach der Ijzermündung aus. Dort hat zur Zeiten der spanischen Besatzung am 2. Juli 1600 am Strand eine Schlacht stattgefunden. Das hab ich mal auf einer Tafel in den Dünen bei Niewpoort gelesen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Nieuwpoort
Zumindest gibt es im Rijksmuseum in Amsterdam ein sehr ähnliches Bild.

Vielleicht habe ich ja etwas entdeckt… – Hab gerade sogar eine E-Mail ans Museum geschrieben.

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Für mich entdeckt habe ich auf jeden Fall den Flamenco. In einer Altstadtgasse sah ich einen Zettel, auf dem eine Flamencoschule eine öffentliche Vorführung ankündigte. Start in einer guten Stunde. In einem Hinterhof eine kleine Bar ein Raum mit 30 Stühlen und eine 3 mal 4 Meter Große Bühne. Ich bekomme einen Klappstuhl in der ersten Reihe. Als es dann losgeht, bin ich erst beeindruckt und dann überwältigt. Soviel Kraft, Leidenschaft und Schönheit.

In der Pause lerne ich Paulina kennen, eine Finnin, die für ein halbes Jahr in Sevilla wohnt um Cajón zu lernen. Cajón ist eine Trommelkiste, die jetzt auch im Flamenco genutzt wird.

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Flamenco rhytmen sind extrem kompliziert. Das Ganze ist mehr eine Lebenshaltung als ein Tanz. Und es ist auf keinen Fall Folklore. Das gibt es zwar auch, aber Flamenco wird nach wie vor wirklich gelebt. Paulina nimmt mich in den nächsten Tagen zu verschiedenen Veranstaltungen mit. Sehr beeindruckend.

Ansonsten sause ich mit meinem Fahrrad durch die Stadt. Sobald man mit dem Rad in einer größeren Stadt unterwegs ist, fühlt man sich wie ein Einheimischer.

Dorothea kommt mit August vorbei. Wir verbringen einen sonnigen Tag im Park. Ich sehe einen Flohmarkt, auf dem Flamencokleider verkauft werden. Hier gibt es im April eine große Party, bei der sich die ganze Stadt in Schale wirft. In der Innenstadt gibt es mehr als 10 Geschäfte, die diese bunten Kleider mit Punkten drauf verkaufen.

Bevor ich abfahre besuche ich noch das zum teil verwilderte Gelände der Weltausstellung von 1992. Heute hauptsächlich ein Bürostandort mit ein paar kuriosen Gebäuden.

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