097_Tojeiro – Pizzaparty & Hippieflohmarkt

1050 2013_03_23

Gut dass ich mir von Rudi die Koordinaten habe schicken lassen, sonst hätte ich den abgelegenen Ort im Hinterland nicht gefunden. Fast hätte ich Hof geschrieben, aber das gibt ein falsches Bild. Es sind ein paar verstreute Häuser und Hütten auf einem terrassierten Gelände. Zwischendrin stehen alte Lastwagen und Busse. Idyllisch, etwas freakig, aber auch etabliert.

Das Navi führt mich auf einen Parkplatz vor der Tür der Nachbarn. Die sind schwäbisch unfreundlich empört, dass ich dort ankomme. Und es ist natürlich völlig unmöglich, dass ich dort stehen bleiben kann.

Etwas den Berg herunter treffe ich die Wittener auf einem Parkplatz. Die Pizzaparty findet in einer großen Laube statt. Eine gemütlich eingerichtete Feiluftbar. Alles im Stil der 80er Jahre.

Es kommen 30 bis 40 Leute vorbei, sogar ein paar Portugiesen. Ansonsten ist das der Treff der ausgewanderten. Der alternativen Ausgewanderten. Von einem Elektriker erfahre ich, dass es natürlich noch die deutschen Rentner gäbe, die wegen der Sonne gekommen sein. Aber hier sind die Kontakte sporadisch. Er kennt sie durch seinen Beruf. Es wird ein lustiger Abend. Bob Marley und Pink Floyd werden gespielt. Und andere achtziger Jahre Musik. Nicht als bewusster Retro Sound, sondern weil es das ist, was man hier hört.

Jede Auswanderer Community scheint die Musik, Kultur und Verhaltensweisen zu konservieren, die zum Zeitpunkt der Auswanderung vorherrschten. Viele sind um die 50 und älter. Eine zweite Generation wächst heran. Ich spreche mit einer Frau – Akademikerin – deren Vater in Portugal lebt und die mehr wegen ihres Freundes hier bleiben will. Sie sieht es ganz nüchtern. Entweder man hat Geld oder man macht Einwanderer Jobs. Die Frauen putzen oder arbeiten in der Pflege, die Männer auf dem Bau. Ich sage ihr, dass die Türken in Ehrenfeld exakt die gleichen Jobs machen. Und richtig Portugiesisch scheinen die meisten auch nicht zu sprechen.

Kein Wunder, außer „Obrigado“ hab ich auch nicht viel sagen müssen. Man spricht Deutsch oder zumindest Englisch. Das Leben für die Ausgewanderten ohne Geld ist hart und gleichzeitig gibt es Möglichkeiten, die man in Deutschland nicht hat. Vor ein paar Jahren konnte man mit ein paar Mark noch ein Landgut kaufen. Heute ziehen einige einfach in leerstehende Ruinen ein und bleiben dort. Viele haben mir gesagt: „Zur Not gehe ich zurück nach Deutschland und beantrage Harz IV“, das haben sie den Portugiesen voraus. Aber es hat ja auch seinen Grund, warum die Menschen seit Jahrzehnten aus der Region AUSwandern. Direkt neben dem Ort der Pizzaparty steht ein verlassenes Dörfchen.

Auch bahnt sich der Frühling an. In Deutschland unbekannte Blumen sprießen in großer Zahl.

Das nächste social Event ist gleich am Sonntag. Der Flohmarkt in Barao de Sao Joao. Am vierten Sonntag im Monat. Angeblich machen die Händler am Abend vorher hin und wieder ein Lagerfeuer. Ich fahre bis zum Abend noch auf den Berg Fola. Dort hat man den kompletten Überblick über das Ende der Welt.

1058 2013_03_23

Wir treffen uns auf dem Flohmarkt wieder und machen das rauchige Lagerfeuer selbst. Die Händler stehen auf einem Platz etwas weiter. Während wir am Lagerfeuer sitzen streitet sich der Bruder von Julian dramatisch und lautstark mit seiner Freundin. Im Zelt etwa zwei Meter vom Lagerfeuer entfernt. Ich gehe ins Dorf und treffe zwei Portugiesinnen, die mich in eine Kneipe mit Live Musik mitnehmen.

Später kommt eine Horde Franzosen vorbei, die sich bei uns unterstellen, um einen Regenschauer zu überstehen. Die gleichen Leute, die ich schon auf dem Lidl Parkplatz in Villa de Bispo gesehen hatte. Das Ende der Welt ist eine Gegend in der man sich laufend wieder trifft. Auf dem Flohmarkt sehe ich auch die beiden Norddeutschen und Cordula mit dem Sprinter Kögel wieder, sie verkaufen Gemälde, Schmuck und Schamanentrommeln. – Oder um es korrekt zu sagen, sie bieten sie an. Denn der Flohmarkt ist wegen des Aprilwetters schlecht besucht. Cordula stand bei der Pizzaparty am Ofen. Noch zwei Wochen und ich würde wohl die gesamte deutsche Community kennen, die hier am Ende der Welt lebt. Ein über eine Region verteiltes Dorf.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s