101_Sevilla II – Die Sonne & die Büßer kommen raus

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Ich bin fleißig mit dem Blog beschäftigt, bis Dorothea August und Konrad mit ihrem gelben Kögel am frühen Nachmittag über den Platz donnern. Die Sonne scheint, wir machen Picknick unter der Markise und erkunden dann die Stadt. Die Prozessionen heute finden statt. Nach einen Spaziergang durch Triana kommen wir ins Zentrum der Stadt. Alle Prozessionen gehen immer durch die Calle Sierpes, die Schlangenstrasse. Da sehe ich zum ersten Mal vom Weiten eine Reihe spitzer Mützen in Action.

In echt muss man sich die Semana Santa wie eine Mischung aus Martinsumzug und Karneval vorstellen. Es gibt diverse Bruderschaften, die wie Karnevalsvereine organisiert sind und die sich seit ein paar Hundert Jahren damit beschäftigen, wie sie es schaffen in der heiligen Woche große Kisten durch die engen Gassen der Altstadt in die Kathedrale und wieder zurück in ihr Vereinsheim zu tragen. Das ist es im Kern.

Die Kisten sind über und über vergoldet, sehr aufwändig geschnitzt, in der Mitte lebensgroße Holzfiguren, die über realistisch die Passion Jesu darstellen. Alle Figuren sind mit aufwändigen Brokatstoffen gekleidet, bemalt und sehr alt. – Deshalb werden die Prozessionen bei Regen auch abgesagt.

Auf andere Kisten werden Marienstatuen gestellt. Die von einem Meer von Kerzen umgeben sind. Hinter jeder Kiste trägt ein Mitglied der Bruderschaft eine Klappleiter her, um im Notfall die Kerzen wieder anzünden zu können. Vor den Kisten schreiten die Büßer mit ihren spitzen Hüten. Je nach Bruderschaft in unterschiedlichen Farben. Schwarz, weiß, Lila, Schwarzweiß, Lila-weiß. In etwa wie die Trikots beim Fußball.

Hinter der Kiste und dem Mann mit der Klappleiter laufen noch einige Honoratioren, die silberne Stäbe tragen oder ein Buch. Was das genau zu bedeuten hat, habe ich noch nicht herausgefunden. Dahinter kommt meist eine Blaskapelle, die eigenartige Marschmusik spielt. Etwas schleppend, nicht so schmissig, wie bei einem deutschen Schützenfest. Mir gefälltes. Um die Kiste herum positioniert sind noch Mitglieder der Guardia Civil mit diesen seltsamen schwarzen Tschakos, die vorne rund und hinten brettgerade sind. Beim Karneval in Tarifa haben sich einige Leute so verkleidet. Ich dachte, dass diese Uniformen mit der Franco Diktatur verschwunden wären. Aber nein, sie sind noch immer aktuell.

Die Kisten selbst laufen nicht von allein. „Unter der Haube“, schwitzen etwa 50 stämmige Bruderschaftsmitglieder. Meist in Unterhemden mit einer Turbanartigen Kopfbedeckung, die bis auf die Schultern reicht. Wahrscheinlich schleppen sie die Kisten auf den Schultern. Zwischendrin dürfen sie die Kisten absetzen.

Wenn es weitergehen soll schlägt einer der Honoratioren mit einem Stab auf den Boden. Beim dritten Schlag springt die Kiste in die Höhe, der Baldachin über der Marienstatue wackelt und es geht ein paar Schritte weiter.

Wie es scheint, müssen Bußprozessionen unbequem für alle Beteiligten sein. Die spitzen Mützen sitzen nicht richtig auf dem Kopf, so dass die Träger die Mützen ständig unterm Kinn nach unten ziehen müssen. Manche gehen Barfuß. In einer Bar fragte ich jemanden, der sich die Sache im Fernsehen anschaute, warum sie nicht Räder unter die Jesuskisten montieren würden. Eine einfache und praktische Lösung auf die in den letzten 600 Jahren keine Bruderschaft gekommen ist.

Der Zochweg, den man in kleinen Broschüren Minutengenau nachvollziehen kann führt an Tribünen oder abgesperrten Bereichen mit Klappstühlen vorbei. Wir finden einen Platz im Eingang von Mc Donalds um einen Blick auf die Kisten, Spitzmützen und Klappleitern zu werfen, bis uns ein Wachmann verscheucht. Die heilige Prozession aus dem ersten Stock von Mc Donalds anzuschauen, bringt einen ganz eigenen Geruch von Heiligkeit mit sich.

Wir versuchen die Prozession zu umgehen. Aber in diesem Abschnitt ist eh jetzt Schluss. Die Schranken für das gemeine Volk werden geöffnet und ich stehe plötzlich vor dem mit rotem Samt ausgeschlagenen Tisch an dem die Semana Santa Apparatschiks saßen. Man verabschiedet sich gerade. So wie die Leute aussehen, würden sie sich in einem Kölner Karnevalsverein pudelwohl fühlen.

Wir gehen auf ein Bier und Tapas in die Calle Feria etwas abseits des Geschehens. Eine Bar in der in petersburger Hängung die Wände voll mit gerahmten Stierkampffotos, Marienbildern, Semana Santa Fotos hängen. Zwei Stierköpfe von 1975 und 1986 hängen an der Wand. Urig würde in einem Reisprospekt stehen.

Ich mach mich allein noch mal auf und finde dann vor der San Marcos Kirche das Bild, dass ich im Kopf mit mir herumtrage. Schwarzgekleidete Spitzmützen mit bodenlangen Kutten und Kerzen, die an einem geöffneten gotischen Kirchenportal vorbei schreiten oder möglichst würdevoll warten, dass es mit der Mariakiste bald weitergeht. Die Dinger sind sehr groß und die Gassen sind eng. Da meine Kamera ohne Strom ist, gibt es von dem Ereignis nur etwas verwaschene Handyfotos. Das entspricht aber genau meinem inneren Bild.

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