103_Carmona – Reparaturen, städtischer Dieb & Abschied aus Sevilla

Endlich kommt die Sonne raus und ich freue mich auf ein paar Tage ruhiges Stadtleben in Sevilla. Alina ruft an, die Malerin mit dem Hundekostüm. (Siehe Bericht 86) Sie parkt mit Christina auf einem blumenbewachsenen Hügel mit phantastischem Blick auf Sevilla – und die Autobahn Richtung Portugal.

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Für Christinas Renaultbus Baujahr 1988 war dieser Hügel einfach zu viel. Die Schaltung ging nicht mehr. Die Ärmste hat in den letzten Tagen den kompletten Motor ausgebaut hat, um das Getriebe zu wechseln. Das geht bei Reanault nicht anders. Aber sie hat Glück als Frau und vor zwei Wochen einen ihr zugetanen französischen Automechaniker kennengelernt, der ihr tapfer hilft. Die haben vor Ostern mit der Reparatur angefangen.

Christinas Bus steht auf einem Weg in der Wiese. Dort im Freien hat sie den Motor ausgebaut, nur eine Karre aus dem Baumarkt als Hilfe. Großer Respekt. Aktuell hofft Sie, alles irgendwie wieder zusammen zu bekommen. Ob Motor und Getriebe wieder funktionieren, wird Sie aber erst wissen, wenn alles wieder zusammengebaut ist. Falls nicht, heißt es: Motor wieder ausbauen und das Ersatzgetriebe zurück zum Schrottplatz bringen. Ich kann nicht viel tun als zur Hebung der Stimmung Schokoladenerdnüsse zu verteilen. Die Sache sieht heftig aus, ich drücke die Daumen.

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Meine Empfehlung an an alle, die sich einen alten Bus kaufen wollen: Mercedes. Mehr als die Hälfte der Busse über 20 Jahre sind von Mercedes, die scheinen einfach länger durchzuhalten. Der helfende Automechaniker fuhr einen 308er (gleicher Typ wie mein Kögel), der schon 520 000 km auf dem Tacho hat. Ich bin gerade bei 87 000.

Reparaturen scheinen aktuell ein in Mode zu sein. Nach einem beschaulichen Vormittag, den ich mit Vokabel lernen verbringe, will ich mit dem Rad ins Zentrum fahren. Vorher kurz die Hände waschen. Erst fällt die Wasserpumpe aus, dann die komplette Stromversorgung. Dann entdecke ich ein Ameisennest am Wassertank. Innerhalb einer halben Stunde sieht es im Kögel aus, als hätte die sprichwörtliche Bombe eingeschlagen. Die Wasserpumpe ist hin! Ich meistere die Krise am nächsten Tag, baue die Pumpe aus dem Zweittank um, töte Ameisen und bringe Ordnung ins Reparaturchaos. 1365_2013_04_05

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Am Morgen vor dem Pumpenchaos werde ich um kurz vor acht durch ein Geprassel geweckt und denke: „Nicht schon wieder Regen.“ Aber es sind die infernalischen Stadtgärtner die mit benzinbetriebenen Motorsensen die Uferböschung abfräsen. Das Prasseln verursachen die kleinen Stücke Schilfrohr auf dem Kögeldach.

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Im Sonnenaufgang, halbverschlafen wundere ich mich, ob das denn alles so stimmt, mit der angeblichen Krise in Spanien. In Köln werden die Stadtparks zweimal im Jahr gemäht und das war es dann. In Sevilla hat man sogar Leute, die sich darum kümmern, schlammige Parkplätze hübsch zu machen. Jeden Abend werden die Straßen im Zentrum von Teams der Stadtverwaltung geduscht.

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Die Autobahnen sehen in Spanien so aus wie die in Deutschland in den 1980ern – frei, glatt und ordentlich. Volker meinte: „Die Leute sind in Spanien besser angezogen als bei uns, die sind wie aus dem Ei gepellt.“ Das was ich immer so lese mit der Krise, kann ich mit dem was ich sehe nicht unter einen Hut bringen. Und was lese ich heute in der FAZ?

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ezb-umfrage-deutsche-sind-die-aermsten-im-euroraum-12142944.html

Während ich so vor mich hin sinniere und in die Morgensonne blinzele kommt der dritte apokalyptische Stadtangestellte mit einem mördermäßigen motorgetriebenen Laubbläser auf mein Auto zu marschiert. Er läuft zwischen Auto und Fahrrad vorbei und reißt im Vorübergehen meinen Tacho vom Fahrrad. Ich brülle aus der Hintertür ein Ruhrgebiets- „EEEHHYY“ laut genug, dass er mich trotz Höllengebläse hört. Er guckt verdutzt, kommt zurück und drückt mir den Tacho in die Hand. Beim Vokabel lernen habe ich einen Tag vorher noch gelernt, dass Dieb „Ladro“ heißt. Das Wort brülle ich ihm ins Gesicht und sag, dass ich jetzt die Polizei rufe. Die blöde Sau.

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Er macht gleich auf Opfer: „Er hätte das ganz unbewusst gemacht“ – „Ich solle ihm doch verzeihen.“ , er hat eine starke Alkoholfahne und will, dass ich ihm die Hand gebe. Ich sag ihm, er soll sich vom Acker machen. Einen mit zwei Kabelbindern festgemachten Tacho mal ganz unbewusst abreißen. Ich glaub es hackt. Das Ding ist hin, jetzt kann ich mir hier einen neuen kaufen. Und um beim Thema Reichtum in Europa zu bleiben. In Spanien ist alles teurer. Gerade in den großen Supermärkten. Entweder ist die Konkurrenz nicht so hart, wie in Deutschland, die Kunden besser dressiert oder die Spanier haben mehr Geld, dass sie ausgeben können.

Ich ziehe um: Auf dem Parkplatz am Fluss treffen sich am Wochenende die Jugendlichen des Viertels. Und diese Jugendlichen haben einen sehr schlechten Musikgeschmack, dafür aber sehr sehr laute Anlagen in ihren Autos. Ich finde einen neuen Platz im Park der Weltausstellung von 1929. Ich stehe neben einem Orangenbaum unter einer uralten Palme direkt am Theater Lope de Vega. Zur Kathedrale sind es jetzt nur 500 Meter und ich finde sogar noch ein freies W-Lan, so dass ich am Sonntag seit Ewigkeiten mal wieder den Tatort gucken kann. Ein idyllisches Plätzchen mitten in der Millionenstadt.

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Allerdings, mich verfolgen die Musikjugendlichen und die Stadtpfleger. Bis nachts um drei schlechte spanische Ballermann Musik und dann zum Ausgleich ab acht Uhr Morgens zwei Hubsteigerwagen auf denen Männer mit Motorsägen die alten Bäume bearbeiten.

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Nach ein paar Tagen Alltag in Sevilla merke ich: Es ist Zeit weiter zu fahren, trotz W-LAN Parkplatz am Orangenbaum. Ich gehe noch mal in mein Lieblingscafé …

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und in die Bar mit den Stierköpfen – die in den 80er wohl ihre große Zeit hatte – und in der ich vom Besitzer im braunen Pullover mittlerweile per Handschlag begrüßt werde….

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Ich gehe noch mal zum Flamenco und spiele kurz mit dem Gedanken, Falmencotänzer zu werden, als ich sehe, was für eine Wirkung das auf Frauen hat….

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In Sevilla finde ich meine Wege jetzt gut ohne Stadtplan und bin mit meinem Rad ruckzuck überall.

Insgesamt war ich hier gut drei Wochen und merke, wie ich mich hier langsam einlebe und Wurzeln schlage. Doch hier will ich nicht Wurzeln schlagen, so schön es auch ist. Denn meine Heimat ist hier nicht.

Das Leben im Kögel macht Aufbrechen einfach. Ein paar Dinge verstauen. Klappen zu und los. Seit ein paar Wochen höre ich beim Losfahren immer Canned Heat – „On the Road Again.“ Ein Klischee zwar, aber ein gutes. Mit einem Grinsen gehts los.

In Carmona auf dem Weg nach Cordoba esse ich die besten Tapas meines bisherigen Spanienaufenthaltes in einem unscheinbaren Laden der sich übersetzt Omma Maria nennt.

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