113_Lourdes – Heilige Supermärkte & unerwartetes Bad

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Religionen haben ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht. Vor allem Religionen, die sich selbst sehr ernst nehemen. Witze über Religonen sind für die Gläubigen eine Prüfung im Glauben, der sie stärker macht, für alle anderen eine nie versiegende Quelle der Heiterkeit.

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Lourdes ist ein Ort, wie in Monthy Python nicht absurder hätte erfinden können. Eine Schäferin hat im 19. Jahrhundert eine Erscheinung, sieht Schemen, hört Stimme, was auch immer. Alle glauben, dass es Maria ist und heute lebt die ganze Stadt davon. Die Straße zum Heiligtum säumen mehr als 200 Souvenirgeschäfte, die einen heimlichen Wettbewerb darin auszutragen scheinen, wer den schlimmsten Religionskitsch verkauft. So etwas habe ich in dem Ausmaß noch nicht gesehen. Es gibt regelrechte Supermärkte. Marien in allen Größen, Schütten mit Plastikbehältern für das Wasser von Lourdes, Marienfiguren, denen man die Krone abdrehen kann und so die Maria mit Wasser füllen kann. Meterhohe Kerzen. Teppiche mit schlimmen Papstportraits. Religionspornographie in jeder Form und Größe.

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Was mir aber gleich auffallt. Lourdes ist kein Ort zum Lachen. Selbst wenn normalen aufgeklärten Menschen das gesamte Drumherum peinlich, grotesk und überdreht vorkommt. Für die meisten Menschen, die hier herkommen, ist Lourdes ein wichtiger Ort, für sehr viele ein Ort der letzten Hoffnung. Diese düstere, inbrünstige Stimmung liegt über der Stadt. Dagegen ist mit ein paar Witzen nicht anzukommen.

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Nach der Souvenirstraße komme ich auf das Gelände des Heiligtums, dass man sich am besten als ein gut organisiertes Festival Gelände vorstellt. In der Kirche, die zwei Etagen hat, hält gerade ein italienischer Pfarrer seinen Gottesdienst, eine Pilgergruppe aus den Vogesen schiebt alte Frauen auf dreiräderigen riesen Rollstühlen über den Platz vor der Kirche.

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Der heiligste Ort scheint eine Grotte zu sein. Da ich kurz vor Schließung des Heiligtums komme, muss ich nicht lange warten. Wie bei vielen christlichen und nichtchristilichen Heiligtümern, geht es auch hier darum, einen heiligen Ort zu berühren. Vor mir legen die Wartenden die Hand auf den Felsen. Ich tue das auch und spüre – Schwere. Es gibt heilige Orte in Frankreich – zum Beispiel Vezelay oder Chartres, die sind voller intensiver positiver Energie. Das wussten schon die alten Kelten und mit ein bisschen Meditaitionserfahrung lässt sich das deutlich spüren.

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Hier in Lourdes spürt man die Schwere all der kranken Menschen, die hier herkommen und auf Heilung hoffen. Wer es nicht persönlich schafft, kann auch im Internet nach Lourdes pilgern. Es gibt sogar eine spezielle Abbrennstelle für die Kerzen der Webpilger.

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Hinter der Grotte steht ein Badehaus. Baden finde ich immer gut. Ohne viel nachzudenken und zu wissen, was mich erwartet, ging ich rein. Drinnen sah es aus, wie in einer Umkleidekabine aus den 30ern. Zwei freundliche Herren führen mich in eine Umkleidekabine hinter einem Vorhang und sagen mir, dass ich mich bis auf die Unterhose ausziehen soll. Kaum ist das geschehen öffen sie einen weiteren Vorhang und ich stehe vor einem schmalen Becken, mir gegenüber an der Wand zwei Marienstatuen, die ich schon aus den Religionssupermärkten kannte.

Rechts und links neben mir zwei rüstige Rentner, an der Wand eine Krankentrage pber mir Neonlicht. Ich soll mir einen nassen Lendenschurz umbinden, darunter dann die Unterhose ausziehen. Es ist kalt. Heiße Quellen scheint es in der heiligen Grotte nicht zu geben.

Die Renter stellen sich neben mich und sagen, dass ich jetzt vor dem Bad beten sollte. Da stehe ich nun in meinem nassen Lendenschurz. Lege meine Hände zusammen und senke den Kopf. Sie beten neben mir und greifen mich, als es vorbei ist unter den Achseln und begleiten mich ins Becken. Für sie ist extra links und rechts neben dem Becken eine Treppe eingelassen, so dass sie mich trockenen Fußes ins Wasserbecken begleiten können. Da stehe ich dann bis zu den Oberschenkeln im kalten heiligen Wasser. Jetzt abtauchen. „Lass uns machen.“ sagen sie und tauchen mich unter und ziehen mich direkt wieder heraus. Dann stehe ich vor der kleinen Marienfigur die über einer Edelstahl Schwimmbadstange angebracht ist und kann mir was wünschen und noch mal beten. Wo ich schon mal hier bin, wünsche ich mir was.

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Dann werde ich herausbegleitet, bekomme in der Badekabine meine Unterhose und im der Umleidekabine alles andere zurück. Ich war doch für heute tatsächlich der letzte Badegast. Im Badehaus gibt es eine Toilette. (Wird die wohl mit heiligem Wasser gespült oder gibt es dafür eine extra Leitung?) Als ich herauskomme, sagt mir ein Verantwortlicher, dass es ihm mit den nassen Haaren leid täte, sie müssten eigentlich darauf achten, dass die Haare nicht ins Wasser kommen.

Auf dem heiligen Klo

Auf dem heiligen Klo

Als ich frage ob ich das heilige Tauchbeckene fotographieren kann, wird er resolut. Also muss ich heimlich fotografieren.

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Wie alle organisierten Religionen hat es die Kirche verstanden, aus dem heiligen Ort ein gutes Geschäft zu machen. Tonnenweise Kerzen werden verkauft, an einer Art Fahrkartenschalter kann man für 19 Euro von einer Nonne eine Messe kaufen, wie versprachig angeschlagen ist. Ob es ab einer bestimmten Anzahl von Messen Rabatt gibt oder Schlussverkaufsangebote, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

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Ich schau mir noch die Zapfstellen für heiliges Wasser an und den Platz vor der Kirche, auf dem eine Open Air Messe vorbereitet wird. Unter den ersten Gesängen verlasse ich das Festival Gelände.

 

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Heilige Supermärkte & unerwartetes Bad Religionen haben ein Recht darauf, dass man sich über sie lustig macht. Vor allem Religionen, die sich selbst sehr ernst nehemen. Witze über Religonen sind für die Gläubigen eine Prüfung im Glauben, der sie stärker macht, für alle anderen eine nie versiegende Quelle der Heiterkeit.

 

Lourdes ist ein Ort, wie in Monthy Python nicht absurder hätte erfinden können. Eine Schäferin hat im 19. Jahrhundert eine Erscheinung, sieht Schemen, hört Stimme, was auch immer. Alle glauben, dass es Maria ist und heute lebt die ganze Stadt davon. Die Straße zum Heiligtum säumen mehr als 200 Souvenirgeschäfte, die einen heimlichen Wettbewerb darin auszutragen scheinen, wer den schlimmsten Religionskitsch verkauft. So etwas habe ich in dem Ausmaß noch nicht gesehen. Es gibt regelrechte Supermärkte. Marien in allen Größen, Schütten mit Plastikbehältern für das Wasser von Lourdes, Marienfiguren, denen man die Krone abdrehen kann und so die Maria mit Wasser füllen kann. Meterhohe Kerzen. Teppiche mit schlimmen Papstportraits. Religionspornographie in jeder Form und Größe.

 

Was mir aber gleich auffallt. Lourdes ist kein Ort zum Lachen. Selbst wenn normalen aufgeklärten Menschen das gesamte Drumherum peinlich, grotesk und überdreht vorkommt. Für die meisten Menschen, die hier herkommen, ist Lourdes ein wichtiger Ort, für sehr viele ein Ort der letzten Hoffnung. Diese düstere, inbrünstige Stimmung liegt über der Stadt. Dagegen ist mit ein paar Witzen nicht anzukommen.

 

Nach der Souvenirstraße komme ich auf das Gelände des Heiligtums, dass man sich am besten als ein gut organisiertes Festival Gelände vorstellt. In der Kirche, die zwei Etagen hat, hält gerade ein italienischer Pfarrer seinen Gottesdienst, eine Pilgergruppe aus den Vogesen schiebt alte Frauen auf dreiräderigen riesen Rollstühlen über den Platz vor der Kirche.

 

Der heiligste Ort scheint eine Grotte zu sein. Da ich kurz vor Schließung des Heiligtums komme, muss ich nicht lange warten. Wie bei vielen christlichen und nichtchristilichen Heiligtümern, geht es auch hier darum, einen heiligen Ort zu berühren. Vor mir legen die Wartenden die Hand auf den Felsen. Ich tue das auch und spüre – Schwere. Es gibt heilige Orte in Frankreich – zum Beispiel Vezelay oder Chartres, die sind voller intensiver positiver Energie. Das wussten schon die alten Kelten und mit ein bisschen Meditaitionserfahrung lässt sich das deutlich spüren.

 

Hier in Lourdes spürt man die Schwere all der kranken Menschen, die hier herkommen und auf Heilung hoffen. Wer es nicht persönlich schafft, kann auch im Internet nach Lourdes pilgern. Es gibt sogar eine spezielle Abbrennstelle für die Kerzen der Webpilger.

 

Hinter der Grotte steht ein Badehaus. Baden finde ich immer gut. Ohne viel nachzudenken und zu wissen, was mich erwartet, ging ich rein. Drinnen sah es aus, wie in einer Umkleidekabine aus den 30ern. Zwei freundliche Herren führen mich in eine Umkleidekabine hinter einem Vorhang und sagen mir, dass ich mich bis auf die Unterhose ausziehen soll. Kaum ist das geschehen öffen sie einen weiteren Vorhang und ich stehe vor einem schmalen Becken, mir gegenüber an der Wand zwei Marienstatuen, die ich schon aus den Religionssupermärkten kannte.

 

Rechts und links neben mir zwei rüstige Rentner, an der Wand eine Krankentrage pber mir Neonlicht. Ich soll mir einen nassen Lendenschurz umbinden, darunter dann die Unterhose ausziehen. Es ist kalt. Heiße Quellen scheint es in der heiligen Grotte nicht zu geben.

 

Die Renter stellen sich neben mich und sagen, dass ich jetzt vor dem Bad beten sollte. Da stehe ich nun in meinem nassen Lendenschurz. Lege meine Hände zusammen und senke den Kopf. Sie beten neben mir und greifen mich, als es vorbei ist unter den Achseln und begleiten mich ins Becken. Für sie ist extra links und rechts neben dem Becken eine Treppe eingelassen, so dass sie mich trockenen Fußes ins Wasserbecken begleiten können. Da stehe ich dann bis zu den Oberschenkeln im kalten heiligen Wasser. Jetzt abtauchen. „Lass uns machen.“ sagen sie und tauchen mich unter und ziehen mich direkt wieder heraus. Dann stehe ich vor der kleinen Marienfigur die über einer Edelstahl Schwimmbadstange angebracht ist und kann mir was wünschen und noch mal beten. Wo ich schon mal hier bin, wünsche ich mir was.

 

Dann werde ich herausbegleitet, bekomme in der Badekabine meine Unterhose und im der Umleidekabine alles andere zurück. Ich war doch für heute tatsächlich der letzte Badegast. Im Badehaus gibt es eine Toilette. (Wird die wohl mit heiligem Wasser gespült oder gibt es dafür eine extra Leitung?) Als ich herauskomme, sagt mir ein Verantwortlicher, dass es ihm mit den nassen Haaren leid täte, sie müssten eigentlich darauf achten, dass die Haare nicht ins Wasser kommen.

 

Als ich frage ob ich das heilige Tauchbeckene fotographieren kann, wird er resolut. Also muss ich heimlich fotografieren.

 

Wie alle organisierten Religionen hat es die Kirche verstanden, aus dem heiligen Ort ein gutes Geschäft zu machen. Tonnenweise Kerzen werden verkauft, an einer Art Fahrkartenschalter kann man für 19 Euro von einer Nonne eine Messe kaufen, wie versprachig angeschlagen ist. Ob es ab einer bestimmten Anzahl von Messen Rabatt gibt oder Schlussverkaufsangebote, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

 

Ich schau mir noch die Zapfstellen für heiliges Wasser an und den Platz vor der Kirche, auf dem eine Open Air Messe vorbereitet wird. Unter den ersten Gesängen verlasse ich das Festival Gelände.

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