134_Steyerberg – Vielfalt in Gemeinschaft & Lektionen im Ökobau

 2144_2013_07_25Nicht weit von Bockhop liegt das Dörfchen Steyerberg, dass auch in meinem Eurotopia Führer beschrieben ist. Als ich ankomme ist gerade Sommercamp. Motto: „Vielfalt in Gemeinschaft erleben.“

Als ich anrief, meinte ein netter Mensch, dass ich vorbeikommen könnte und vor dem Hauptgebäude einfach jemanden ansprechen sollte, der mir etwas über den Lebensgarten erzählen könnte. Ich werde gleich in eine schöne Halle gebracht in der die Teilnehmer des Sommercamps zu Abend essen. Ich komme rechtzeitig und kann für ein paar Euro mit essen. Am Tisch sitzt eine Frau, die hier für ein paar Jahre gelebt hat, jetzt aber wegzieht.

In solchen Projekten gäbe es viel Wechsel. Sie hätte versucht, ihre Vorstellung einer freien Schule umzusetzen, das hätte aber nicht geklappt. Sie sprach von Nachteilen und Vorteilen des Lebens in einer Gemeinschaft. Die Nachteile wären, dass sich hohe Erwartungen irgendwann abschleifen würden. Dass Gemeinschaft oft nur von ein paar Leuten getragen wird, die anderen sich oft mittragen ließen. Es hätte aber auch ergreifende Momente gegeben. Ein Mitglied der Gemeinschaft sei vor kurzem gestorben und alle hätten sich um diesen Menschen gekümmert.

Abends sitze ich vor der Gemeinschaftskneipe mit 10 bis 12 Bewohnern und Gästen und trinke mitgebrachtes Bier. Die Kneipe hat leider nicht auf, weil eine „Lebensgärtnerin“ meinte, dass ja wahrscheinlich eh niemand kommen würde. Hier läuft einiges anders.

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Ein „Lebensgärtner“ namens Til, selbständig, Projektemacher, lebt gerade davon Ökostromverträge zu verkaufen, erzählt mir mehr über die Vorteile und Nachteile dieses Lebens. Die vielen Möglichkeiten, dann aber auch die Trägheit der meisten Leute. Bei einem Sommercamp sähe alles aus, wie man es sich von einer Gemeinschaft erträumt. Leider gäbe es hier keine gemeinsame Idee, der alle folgen würden und dass sich immer nur eine Minderheit an den Gemeinschaftsaktionen beteiligen würde.

Ich sagte, dass ich das gerade sympathisch finde. Kein Guru, keine Sache, an die man glauben müsste. Keine zwanghaften Veganer, die ihre Intoleranz hinter Formulierungen zu verbergen suchen, die sie in Seminaren für gewaltfreie Kommunikation gelernt haben. Keine endlosen „Plena“ in denen ein Querulant den ganzen Betrieb aufhalten kann. Sie haben dort eine Art Ausschuss System. Genug Leute um nicht einem Kommunenkoller zu verfallen. Genug Distanz, da die Leute in eigenen Häusern wohnen.

In Steyerberg wird mir klar, was bleibt, wenn ich Gurus, dogmatische Verbissenheit, Weltabkehr und Sektierertum von den Gemeinschaften und Ökodörfern abziehe. Sympathische, eigentlich großstädtisch geprägte Menschen, die nahe beieinander auf dem Land wohnen, sich gegenseitig helfen und selbst bestimmtes mit ökologisch/autarken Leben verbinden. Das geht vielleicht auch ganz ohne eine organisierte Gemeinschaft. Wichtig ist ein schöner Ort.

Til meint auch, dass er hergekommen sei, weil die Gemeinschaft nach jungen Leuten suchen würde. Das ist mir schon auch bei anderen Ökodörfern aufgefallen. Eine etwa gleich alte Gruppe von Gründern wird gemeinsam alt. In einem normalen Dorf wohnen verschiedene Generationen.

Am nächsten Tag spaziere ich über das Gelände. Dabei sehe ich aus, wie ein geistig verwirrter Irrer, denn ich schlage ständig um mich. Die ganze Gegend ist voller Bremsen. Diese penetranten Vampire summen unermüdlich um einen herum, bis sie sich in Nacken, Kniekehle oder sonst wo setzen und ordentlich Blut abzapfen können. Als Kind hat mir mal jemand gesagt, dass man nach sieben Bremsenstichen stirbt. Ich kann jetzt aus eigener Erfahrung sagen. Das stimmt nicht.

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Im Lebensgarten Steyerberg hängen die Leute ihre Kinder in die Bäume. Ich habs selbst gesehen und photographiert! Allerdings werden sie am Boden auch von zwei Erwachsenen in Kletterausrüstung gesichert. Die Kinder waren ganz schön mutig, fand ich. Und die Eltern auch. Aber sie scheinen damit Erfahrung zu haben. Mich wollte niemand hochziehen. Die Leute im Lebensgarten legen Wert darauf, dass ihre Bäume intakt bleiben.

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Nun eine erweiterte Abschweifung zum Thema Ökobau…

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Nachmittags schaue ich mir den Ökoladen an, bei dem Silke und Ingo ihre Solaranlage gekauft haben. Ich frage einen Solarexperten, ob es möglich ist eine autarke Stromversorgung aufzubauen. Er meint: Möglich ist es, aber sehr sehr teuer und es stellt sich die Frage: Warum? Denn kein Mensch ist autark. Kleidung, Computer, Essen. Wir sind immer von anderen abhängig. Was würde es also nutzen, sich nur beim Strom vom Rest der Welt unabhängig zu machen.

Das Problem bei Solarzellen ist: Sie bringen im Sommer mehr Strom als man braucht und im Winter, wenn man viel Strom braucht, fast gar nix. Entweder baut man eine Anlage, die total überdimensioniert ist – das würde sich nie rechnen oder man müsste im Winter auf Strom verzichten. Im Winter liefern Solarzellen nur 5% dessen, was sie im Sommer hergeben. Also hat man entweder im Sommer 20 mal mehr Strom als man braucht oder im Winter nur 5% dessen, was nötig ist. Dann muss man den Strom auch noch speichern. Und Batterien sind teuer. Teilweise Autonomie sei aber möglich.

Seit mir im Jahr 2004 ein Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts erklärt hat, dass es unmöglich sei, Handys mit handtellergroßen Bildschirmen zu produzieren – die Batterie schafft es nicht – bin skeptisch, was Glaubenssätze von Experten angeht. Aber der Experte hat mit der Frage, wofür man eigentlich in nur einer Sache autark sein will, natürlich recht.

Hier im Kögel merke ich, dass es größtenteils funktioniert mit Strom autark zu sein. Nach ein paar Tagen mit wenig Sonne geht es nicht mehr so gut, aber zu 95% der Zeit klappt es prima. Ich glaube, dass die Lösung aus einer Kombination aus Solaranlagen, Hauswindanlagen, Elektroautos als Energiespeicher, Stromsparen (LEDs, Zeitschaltungen) und dem zwischen drin angeworfenen Generator liegt, der dann das Haus auch noch mit heizt.

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Im Ökologgia Laden für Naturbaustoffe fragte ich den Chef auch nach der besten Weg ein günstiges und gesundes Haus zu bauen. Hier scheint sich mittlerweile ein Konsens herauszubilden, was Standard ist. Denn diese Frage habe ich an anderen Orten auch schon gestellt.

Das bestätigt mir auch der Ökoarchitekt von Steyerberg, der mich am Nachmittag zu einer selbstgemachten Limonade auf seine Terrasse einlädt. Das ideale Ökohaus sieht nach Stand der Technik 2013 so aus:

Ein Gerüst aus Holzständerwerk wird auf ein Fundament aus Beton gestellt. Auf das Holzständerwerk werden Holzfaserplatten oder MDF (Mitteldichte Faserplatten) geschraubt, die Hohlräume werden mit Isoflock ausgefüllt. Das ist Isoliermaterial, dass in Hohlräume und Ritzen gepustet wird. Spart viel Arbeit. Ist mit einem Salz gegen Schädlinge imprägniert. Außen auf die Wand kann man als Fassade Lerchenbretter schrauben. Unbehandelt, dann müsste man auch nicht streichen. Das ist aber eine Frage des Geschmacks. Klinker würde auch gehen. Innen an die Wände werden Lehmbauplatten angebracht. Diese Platten haben hervorragende Eigenschaften für das Raumklima.

Der Architekt meinte, dass ein modernes Ökohaus so wäre, wie ein großer Kaffekannenwärmer. Außen leicht und wärme isolierend. Innen aber mit Masse, so dass die Wärme gehalten werden kann. Die Innenwände werden aus Lehmziegeln gebaut, am besten mit 17,5 cm Stärke, auch wegen der Schallisolierung. Die Böden sind einfach direkt aus Dielen. Die Tragschicht ist gleichzeitig die Endschicht. Als Decke würde er heute eine Brettstapeldecke wählen. Dabei werden Bretter hochkant zu einer Decke verleimt. Die Fenster sind dreifachverglast und aus Holz. Bei guten Dachüberständen und Sicherung der Wetterschenkel würden die genauso gut halten, wie Kunststoff. Und aufs schräge (Pult)dach kämen ganz einfach Ziegel. Kosten nur 50qm inklusive Lattung und würden ewig halten.

Seine Häuser wollte er möglichst einfach bauen, denn was nicht da wäre, könnte auch nicht kaputt gehen. Regenwassertanks mochte er nicht, wegen der aufwändigen Reinigung. Das konnte ich nicht ganz verstehen. Warmwasserkollektoren wären gut. Solarzellen je nach Ausrichtung des Hauses.

Häuser könnte man ruhig größer bauen, denn die Kosten würde nicht proportional zu den Quadratmetern steigen. Ökobau wäre im Kaufpreis 10 bis 15% teurer als ein konventionelles Haus. Die Mehrkosten würden sich aber schnell wieder rechnen, da man Energie spart. Das würden einem die Verkäufer der normalen Häuser nicht sagen, den meisten Menschen wäre der Kaufpreis wichtig, nicht die Gesamtkosten.

Mit Eigenleistungen könnte man gut 20% sparen. Und wenn man mehrere Wohneinheiten zusammenbaut noch einiges mehr. Er hätte das Haus vor dem wir gerade Limonade trinken vor 13 Jahre zu 1000 Euro den Quadratmeter gebaut. Aber das sei heute nicht mehr möglich, da die Materialpreise deutlich gestiegen seien. Ob man einen Keller baut oder nicht, hängt von den Baulandpreisen ab. Wenn das Land teuer ist, lohnt sich ein Keller, wenn es billig ist baut man einfach größer und maximal einen Erdkeller, um Dinge zu lagern.

Ganz klar auch seine Aussage zu Altbauten. Altbauten sind Liebhaberobjekte. Man muss es mögen. Wirtschaftliche Vorteile gibt es nicht. Meist viel Arbeit und Kompromisse. Altbauten sind meist sogar teurer als Neubauten, wenn man auf den gleichen Standard kommen will. Und ein altes Haus bekäme man schon für 10 bis 20000 Euro weggerissen. Und Neubauten hätten den Vorteil, dass man alles so machen könnte, wie man es haben wollte.

Egal was man tut, für einen Hausbau sollte man alles inklusive ein Jahr rechnen. Der Architekt war übrigens etwas frustriert, weil ein großes Projekt im Lebensgarten nicht verwirklicht wurde. Sie hatten die Genehmigung der Dorfverwaltung ein großes Areal zu bebauen, konnten sich aber nicht dazu durchringen oder fanden nicht genug Geldgeber. Kurz: Es wurde ein Permakulturgelände daraus und der Ökoarchitekt sucht nach einer neuen Lebensaufgabe.

 

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