135_Unterwegs – Wendland, Altmark & Stendal

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Das Wendland lag früher am Ende der Welt. Am Ende der westlichen Welt. Zonengrenze. Alle wollten von dort weg. Viel Platz für Aussteiger, die Höfe für eine Handvoll D-Mark kaufen konnten. Und ein guter Ort für Atommüll dachte sich die Regierung. Der Atommüll hat den Aussteigern im Wendland sehr geholfen. Sie fanden dadurch zu einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Aufgaben, Symbolen und Ritualen. Ein äußerer Feind bringt eine Gruppe näher zusammen. Man stellt ein großes gelbes X in den Garten und gehört dazu.

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Das ist jetzt alles 30 – 40 Jahre her und im Wendland ist es heute so gemütlich geworden, wie in der Kölner Südstadt. Einstige Rebellen haben es sich behaglich eingerichtet und wohnen zufrieden in restaurierten Rundlingsdörfer. In Lüchow gibt es gute Buchläden, diverse Ökoläden und vieles, was man sonst nur aus Studentenstädten kennt – zum Beispiel einen Büchertausschrank. Da das Wendland schon immer einen freien Geist hatte – denn die Bauern hier verdienten gut an der Leinenweberei und waren unabhängig von großen Gutsbesitzern – kamen die Aussteiger in den 70ern in die richtige Gegend. Es hat sich hier eine Landschaft herausgebildet, die einen freien und alternativen großstädtischen Geist übers Land verteilt hat. Das Ergebnis ist gar nicht mal schlecht. Bürgersinn. Freies Denken. Keine NPD wählenden Landmorlocks, wie nur ein paar Kilometer weiter in der Altmark.

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Ja, man kann hier leben. Wenn man es denn wirklich mag in der Südstadt mit den Ökohelden aus den 70ern und 80ern zu wohnen. Sie haben die wunderschönen Rundlingsdörfer wiederbelebt. Und das haben sie geschmackvoll gemacht. Sie haben aber auch überall eine Töpferei mit Kunsthandwerk aufgemacht. Es ist ein schmaler Grad zwischen angenehm bürgerlich und spießig. Auch bei den Alternativen.

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Beeindruckt war ich von der Geschichte der Region. In einem Freilicht Bauernmuseum lernte ich einiges über die reichen selbstbewussten Bauern. Leute, denen immer schon das Land gehörte, dass sie bewirtschafteten. Reiches Land und reiche Städte. Freie Leute. Ich mag übrigens den Geruch von alten Bauernmuseen. Es riecht, wie früher in der Mühle von Tante Grete. Nach Heustaub und altem Holz.

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Blick ins Rundlingsdorf

Blick ins Rundlingsdorf

An die Zonengrenze erinnert nur noch ein braunes Schild und ein alter Wachturm. Und doch drüben sofort alles anders. Vielleicht ein Klischee. Aber im ersten Restaurant hinter der Grenze schauen mich Koch und Bedienung wie einen Zombie an, als ich um 21h15 noch zum Essen komme. „Nein, nein, stammeln sie, jetzt ist alles geputzt…“ – Ich sage, dass ich doch schon vor kaum 20 Minuten ins Restaurant gekommen sei und sie mir da versichert hätten, dass die Küche bis 21 Uhr 30… „Nein, Nein. – Nein, jetzt gibts nichts mehr, alles geputzt.“, stammelt der Kellner mit weit aufgerissenen Augen.  Ich wünsche betont schnippisch noch einen schönen Abend mit gepflegter Gastlichkeit und mach mir selbst ein Steak im Kögel. Zufall, Klischee oder doch eine andere Mentalität. – Passiert ist es in der (ehemaligen) Ostzone, knapp 500 Meter hinter dem Gedenkschild.  „Ostzone“ hat meine Oma übrigens immer gesagt. Egal ob es „DDR“ oder DDR oder fünf neue Länder hieß. Als ich es mal in der Schule sagte, gab es Ärger vom kommunistischen Geschichtslehrer. Ich finde den Begriff „Ostzone“ immer noch gut – und wenn sie schlaues Marketing machen würden, wären sie irgendwann stolz drauf, so wie wir auf den „Pott“.

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Aber mit schlauem Marketing hat das Bundesland hinterm Wendland nicht viel am Hut. Na, wie heißt das Bundesland? Nein, nein, Brandenburg ist es nicht. Es ist Sachsen Anhalt! Sachsen Anhalt. Und Sachsen Anhalt ist sich anscheinend selbst darüber im klaren, dass es überhaupt nichts zu bieten hat. Wie käme man denn sonst auf das völlig bescheuerte Landesmotto. „Wir stehen früher auf.“  Früher aufstehen? Um zur Arbeit nach Westdeutschland zu pendeln? Um nicht mit den örtlichen Nazis an der Haltestelle stehen zu müssen oder um abends rechtzeitig im Restaurant die Küche putzen zu können. Who knows & who cares.  Die Grenze ist zwar nicht mehr da, aber man sieht sie immer noch. Die Straßen werden besser, die Felder weiter, die Dörfer trostlos und vor den Häusern sitzen Leute und trinken Bier aus Flaschen. Ja, dies ist eine Gegend, in der man nicht tot überm Zaun hängen möchte. (Wobei ich hier an Christian Gottschalks T-Shirt mit der Silhouette von Köln erinnern möchte, dass die Aufschrift: „Hier möchte ich tot überm Zaun hängen.“

Kurz hinter der Grenze in einem trostlosen Dorf in der Altmark ist in meinem Eurotopia Führer noch ein Projekt verzeichnet. Ein ökologisch umgebauter Bauernhof mit Wohnungen, etwas Gewerbe, ein Ökoladen und einem kleinen Seminarzentrum. Sympathisch entspannt. Andreas erzählt mir vom Leben in der Altmark für Zugezogene. Er lebt vom Versand für Ökobücher. Meinen Eurotopiaführer habe ich bei ihm bestellt. In der Altmark gibt es eine Alternative Szene, die in den 90ern das machten, was die Aussteiger im Wendland in den 70ern. Bauernhöfe für ein paar Westmark kaufen und ein neues Leben auf dem Land aufbauen. Andreas ist sympathisch undogmatisch. So wie ich ihn verstehe, wäre es ohne die anderen Projekte hier schwer auszuhalten. Der Unterschied zwischen den Kulturen der Aussteiger und der Alteingesessenen ist doch zu groß. Aber es gibt in der Altmark gut 100 Projekte, die er versucht zu vernetzen.

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Was ich erstaunlich finde: Das direkt angrenzende Wendland kommt in der Wahrnehmung der Altmärker überhaupt nicht vor. Und wie es scheint umgekehrt genauso. Da scheint die Mauer in den Köpfen aber noch ganz intakt. Auch wenn es eine Lehmputzmauer ist. Aber ich schaue das ja nur von außen an. Als Reisender für ein paar Stunden. Andreas erzählt mir, dass er zu den Gründern von „Sieben Linden“ gehört, aber lieber hier in seinem kleinen Projekt wohnt.

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Eigentlich wollt ich gleich am nächsten Tag nach Sieben Linden fahren, ich bleibe aber einen ganzen Tag auf einem ruhigen großen Parkplatz, weil ich mich etwas kränklich fühle. Sommererkältung. Also bleibe ich Zu hause. Schlafe, lese, schaue fern. Ganz so wie die Sesshaften Leute.

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Am nächsten Nachmittag komme ich in Sieben Linden an. Auch dort ist Sommercamp. Sieben Linden ist das weithin bekannteste Alternativprojekt, wenn es um Stroh&Lehmbau geht. Dort wohnen fast 150 Leute. Es nennt sich sozial ökologisches Musterprojekt. Ich war da schon mal 2009 auf meiner quer durch Deutschland Fahrradtour und blieb eine Nacht per Couchsurfing. Ich war schon damals von den Bauprojekten beeindruckt.

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Häuser, sogar Mehrfamilienhäuser, die aus Holz, Lehm und Stroh gebaut wurden. Die Leute von Siebenlinden haben es geschafft, dass diese Bautechnik in Deutschland wieder genehmigungsfähig wurde. Ein riesiges Gelände mit den unterschiedlichsten Gebäuden. Landwirtschaft. Sogar ein Pferd arbeitet hier.

Schon damals bin ich mit einem gespaltenen Gefühl aus Siebenlinden abgefahren. Dieser Eindruck hat sich bei meinem zweiten Besuch verstärkt. Die Menschen dort versuchen alles Richtig zu machen. Jedes Detail. Und dabei verpassen sie die Hauptsache. Es gibt für alles diverse Verbote und Regeln. Hier nicht rauchen, da kein Handy – das kannte ich ja schon von der holländischen Kolonie in Frankreich. Der ganze Ort ist so bewusst bewusst, dass es normalen Menschen schnell auf die Nerven geht. Ohne dass ich es direkt belegen könnte, kommt das Gefühl auf, dass die Menschen, die hier leben wissen, dass sie das Richtige das Bessere Leben führen. Und es ist leider so, dass an solchen Orten nur oberflächlich Platz für Verschiedenheit ist.

In Sieben Linden wird großen Wert auf gewaltfreie Kommunikation gelegt. Mit dem Ergebnis, dass sich hier vieles gestelzt und humorlos anhört. Ein herzliches „Du Arsch!“ ist hier fehl am Platz wie eine Schweinshaxe.

In Siebenlinden wohnt der Hauptautor des Eurotopia Führers, den ich auf meiner Reise ja ein paar mal gut habe nutzen können. Ich wollte mich bei Ihm persönlich bedanken und ihm auch noch eine ganze Reihe Tipps und Ergänzungen für die neue Auflage geben. Wir machten am Telefon kurzfristig ein Treffen aus. Aber ich merkte schnell, dass es ihm eigentlich lästig war mit mir zu reden. Kein: „Oh, wie schön ein Leser“ oder ein „Danke für die Tipps.“ Mir blieb das Gefühl zurück, dass mir auf gewaltfreiisch gesagt wurde: „Du bist hier nicht willkommen.“ Auch wenn es am Eingang anders steht. Ich kann es nicht belegen und nicht beweisen. Es ist ein Gesamteindruck. Sieben Linden ist dünkelhaft. Aber schöne Häuser haben sie.

Ich fuhr dann auch gleich weiter, um mir den Rest des trostlosen Sachsen Anhalts anzusehen und kam Abends im schönen Stendal an. Ob der Ort etwas mit dem Dichter zu tun hat, habe ich nicht herausgefunden. Stendahl muss wohl eine Hansetadt sein, denn ein großer Roland steht auf dem Markt.

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Hier schließen sich dann historische Verbindungen meiner Reise. Roland hat es ja wirklich gegeben. Er führte die Nachhut des Heeres von Karl dem Großen an und wurde auf einem Pyrenäenpass über den ich mich mit dem Kögel gequält habe von den Bergvölkern (Basken oder Navarresen) vernichtend geschlagen. Dann hat jemand einen Ritterroman draus gemacht. Wie der Roland dann in die Hansestädte kam, muss dann mal jemand auf Wikipedia nachschauen.

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Noch nicht in Wikipedia steht, dass es in Sachsen Anhalt eine Tätowierpflicht für alle Bewohner zwischen 18 und 48 gibt. ALLE sind tätowiert. In Sachsen wird von den 18 bis 28 jährigen zusätzlich verlangt, einen sogenannten Bullring durch die Nase zu tragen. Das muss gesetzlich geregelt sein, denn ich konnte keine Ausnahmen entdecken.

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