138_Berlin – Brandenburger Tor 2013 & 1989

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Auch heute noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich durchs Brandenburger Tor gehe.

Hier war ich schon mit 16: Klassenausflug DDR. Gruselige Erinnerungen in Schwarz Weiß. Habe damals wirklich schwarz Weiss Fotos gemacht,die meine Erinnerung bis heute prägen. Ostzonen Soldaten mit Wehrmachstuniform und Eierschalenhelm im Stechschritt. Ein großer Metallkorb mit einer Zitrone im Schaufenster.

Dann war ich mit 21 Jahren hier. Am 9. November 1989. Die Grenzübergänge waren schon auf, die Mauer am Brandenburger Tor aber noch zu. Stand in der Nacht beim historischen Foto mit auf der Mauer. Von oben Blick auf den leeren Platz ums Tor. Ein paar Volkspolizisten und eine Frau aus Ostberlin, die vom Westen über die Mauer ins Niemandsland geklettert ist. Sie hat einen Nervenzusammenbruch, heult laut und fleht, dass Sie ihr Leben davon geträumt hat, einmal durchs Brandenburger Tor zu gehen. Die Volkspolizisten lassen sie nicht. Wer weiß ob da noch Mienen liegen. Sie heult und jammert. Irgendwann geleitet sie ein Grenzer Arm in Arm durchs Brandenburger Tor. Die 1000 Zuschauer auf der Mauer weinen und jubeln mit der Frau. Mir läuft es heute noch kalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke.

 

Am Morgen wird das historische Tableau von der Mauer geschubst und Grenzer in den DDR Naziuniformen klettern auf der Mauer, die vor dem Brandenburger Tor einen Meter dick ist. Lassen niemanden mehr hoch.

 

Dann kommt ein Lastwagen vollbeladen mit Sarrotti Schokolade. Blonde Mädchen als Sarotti Mohren verkleidet verteilen tausende von Schokoladen an Ost und West. Die Grenzer auf der Mauer werden von Demonstranten mit Schokolade beworfen. Schlaraffenland Revolution.

 

Die ganze Nacht haben Ostberliner an einem Mauerelement rechts neben der Mauer ihre Wut mit Spitzhacke und Hammer ausgelassen. Ein Element ist fast von der Mauer getrennt. Nur hier bricht das Volk selbst ein Stück der Mauer heraus. Ganz ohne Bagger und ohne Befehl von oben.

 

Zusammen mit 1000 anderen ziehen wir an 100 Abschleppseilen, die über den losen Zahn der Mauer geworfen wurden. Wie beim Märchen mit der großen Rübe.

 

Es ist hell geworden. Auf dem Platz tausende Menschen. Geschrei und Gebrüll. Die Ostgrenzer verteidigen die Mauer mit Wasserschläuchen. Aber es nutzt nichts. Noch ein Ruck und ein Stück der Mauer bricht heraus, gibt den Blick frei in den Todesstreifen dahinter.

 

Totenstille auf dem gesamten Platz. Einen Freudenschreck. Wir haben es geschafft! Der Bann ist gebrochen. Plötzlich singt der gesamte Platz: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Und das war das erste und einzige Mal, dass ich mitgesungen habe. Da war es richtig.

 

Und schön war zu sehen, dass zu den 100 Deutschlandfahnen auch eine Bananenfahne geschwenkt wurde. Ein paar Augenblicke später gab es die Wiedervereinigung der deutschen Polizei. Ost- und Westpolizisten hielten die Menschen davon ab, durch die Lücke in der Mauer in den Todesstreifen zu klettern.

 

Das ist der Grund, warum ich immer noch eine Gänsehaut bekomme, wenn ich durch das Brandenburger Tor gehe.

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