139_Berlin – Rollkofferverbot in Neukölln & Casting in der Kastanienallee

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Micha & Anja haben mir einen schönen Stellplatz am Flughafen Tempelhof empfohlen. Für Autos ohne grüne Plakette ist Berlin ja verbotene Zone. Mit Ausnahme der Lilienthalstraße. Hier stehen diverse alte Busse. Ruhige Gegend, außer die Toten Hosen spielen auf dem alten Flugfeld, wie in meiner zweiten Nacht in der Lilienthalstraße.  Ich sause mit dem Rad durch Berlin. Wenn ich in Großstädten mit meinem Rad herumfahre, fühle ich mich gleich als Einheimischer. Fahre durch Kreuzberg, über die Spree unter den Linden und bin ruck zuck am Brandenburger Tor.

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Berlin ist mehr als eine Stadt. Berlin ist eine Reihe von Städten, die nebeneinander existieren. Vom Brandenburger Tor fahre durch das Tagesschau Berlin. Reichstag, Spree und Kanzleramt. Reichstag und Kanzleramt erscheinen mir im Fernsehen realer, als jetzt, da ich davor stehe.

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In den 90ern war ich öfter mal in Kreuzberg zu Besuch, die Gegend war runtergekommen, links und von Aussteigern geprägt. Jetzt ist es Hauptstädtisch schick geworden. Einen Abend fahre ich nach Neukölln, das soll der neue Trendbezirk sein. Hier läuft gerade die Frontlinie der Gentrifizierung. Die aktuellen Bewohner kämpfen mit allen Mitteln darum, ihre günstigen Mieten zu behalten. Vermieter sind hier Feindbild. Die Leute, die gegen die Gentrifizierung kämpfen und dies mit dem Pathos von Sozialrevolutionären tun scheinen mir auf den zweiten Blick spießig, kleinkariert und fremdenfeindlich.  Es geht nicht um ein soziales Projekt, sondern um den Kampf für die eigenen Interessen, denen ein „Wir sind eine Gemeinschaft.“ Mäntelchen umgehängt wird. Man möchte genau so weiter leben, wie bisher. Veränderungen sind unerwünscht. Und jeder Fremde (der eventuell bereit ist, für eine Wohnung mehr Geld zu bezahlen) muss vergrault werden.

Miethai

Gib diesen Leuten andere Kostüme und sie verwandeln sich in ihre schlimmsten Feindbilder.  Dasselbe Paradox lässt sich bei Menschen beobachten die sich in der sogenannten „Antifa“ engagieren. Sie werden zu umgekehrten Abziehbildern dessen, was sie bekämpfen.  Wahrscheinlich sind diese spießigen Linken selbst vor ein paar Jahren aus Brandenburg hergezogen und es fragt sich ob sie darüber die wirklichen „Ureinwohner“ von Neukölln gefreut haben.  Den Spruch „No more Rollkoffer“ der an einen Hauseingang gesprüht war, war noch der sympathischste in diesem Häuserkampf. Ich verlasse das spießige Neukölln nach zwei Bier wieder, sollen die Kämpfer für ihre kleine miefige Welt doch unter sich bleiben. Aber wehe, ich sehe euch irgendwo Urlaub machen!

Rollkoffer

Sympathisch fand ich es in Moabit. Vielleicht, weil es etwas vom Ruhrgebiet hat. Hier kreuzen sich sogar die Bochumer und Essener Straße.

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Ein paar Minuten weiter mit dem Fahrrad: schicke Galerien in Berlin Mitte. Mir gefällt die Street Art überall in Berlin. Manche Straßenkunst addiert sich zu einer einzigartigen Collage, die problemlos ins Museum gehängt werden könnte. In den Galerien der Auguststraße hängt wenig aufregendes. An den Häuserwänden dazwischen wird es spannend.

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Sehr gut gefallen, hat  mir die Umwidmung eines Helddendenkmals aus den 30ern. Große Kunst ist einfach, schön und niedlich.

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Dann gibt es noch verschiedenen alte Fabrikgelände, die das wilde Berlin repräsentieren. Die Off Kultur. Konrad nennt mir „Kater Holzig“ – Ein kunterbuntes Gelände. Alles sieht so aus, wie man sich alternativ Kultur vorstellt. Ein paar alternative Aufpasser wollen den Besuchern das fotografieren verbieten. Als ich das merke, hab ich meine Fotos schon gemacht. Wieso es verboten sein soll? Keine Ahnung. Vielleicht soll es zum Mythos des Ortes beitragen oder vielleicht wollte sich der Aufpasser auch nur wichtig machen.

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Im „Kater Holzig“ hängt ein alter Zigarettenautomat, aus dem man sich für 5 Euro eine Kunstschachtel ziehen kann. Darin ein Originalkunstwerk, Sammelbilder von Bildern aktueller Künstler, ein Gedicht, ein Link zu einem Musikstück und etwas Glitzerkram. Ich spreche mit der Erfinderin der „Wunstkunst“.   Übrigens stehen in den wirklich Szenerelevanten Orten altmodische Passfotoautomaten. Der tausenden digitalen Handybildern werden 4 Passbilder auf Fotopapier entgegengesetzt. Retroavantgarde. Ob die dann wie früher ins Portemonnaie kommen oder auf die Handyrückseite geklebt werden? Nicht alle Fragen werden hier beantwortet.

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Völlig ihrem Klischee entspricht die Kastanienallee. Ich treffe mich dort noch mal mit Konrad in einem Kaffee mit Blick auf die Szene. Direkt neben mir ein Hauseingang. Dort castet eine Agentur Kinder, die für Kinder Bueno Reklame machen sollen. Auch hier hat Rainald Grebe mit dem Lied Castingallee alles auf den Punkt gebracht. Auf der Castingallee bekommt man in ein paar Minuten mehr Fashion Victims zu sehen, als in Bochum an einem Tag und als in Sachsen Anhalt in einer Woche. Einige Leute sehen hier wirklich aus, wie die Menschen in der Werbung für trendige Oberbekleidung oder ungewöhnliche Getränke. Oder die Leute, die für so etwas Werbung machen, haben ihre Agenturen in der Gegend.

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Konrad ruft aus Spaß kurzerhand seinen Sohn an, der beim Casting mitmachen soll. Aber das geht so einfach nicht, denn dafür hatte der Sohn von Konrad von einer Agentur geschickt worden sein müssen. Aus der Traum vom Kinderstar. Übrigens sahen die Eltern der Kinderstars in spe übrigens genauso aus, wie man sich solche Eltern vorstellt.

Dann gibt es noch die verborgenen ruhigen Ecken der Stadt. Schrebergärten und Seegrundstücke. Noch mal eine völlig andere Welt. Anja hat einen Schrebergarten, Sebastian ein Haus am See. Der Wechsel vom wuseligen weltstädtischen Kurfürstendamm zur Hütte in der Waldeinsamkeit dauert in Berlin gerade mal 15 Minuten. Das versuch mal jemand in Paris, Rom oder Madrid.

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Das Viertel, dass mir in Berlin am besten gefallen hat, ist das unaufgeregt bürgerliche Charlottenburg. Gute Cafés und Buchläden. Freundlich zivilisierte Menschen. Keine Hektik, keine Selbstdarsteller, die eine Szene oder Ideologie vor sich hertragen. Ich weiß, der diskrete Charme der Bourgeosie ist natürlich auch eine Form der Selbstdarstellung. Aber eben eine die mir gefällt.

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