147_Reichenberg (Liberec) – Lost in Translation & Reisebücher

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Der Weg ins tschechische Liberec, ehemals Reichenberg führt mich durch einen finsteren Wald über einen hohen Berg und kleine Strässchen. Da war doch die gerade Landstraße direkt von Zittau, was ist los? Ich fluche über die Blödheit meines Navis, bis ich am nächsten Tag merke, dass ich „Mautstraßen meiden“ eingestellt habe. Und in Tschechien sind viele Bundesstraßen Maustraßen.

Bevor ich über die Grenze fahre, lege ich Smetanas Moldau auf. Beschwingt brumme ich in Richtung Reichenberg. Ich finde einen Parkplatz nahe der Innenstadt, ziehe Geld aus dem Automaten und suche mir ein böhmisches Restaurant. Das Bier ist lecker, das Essen: Schweinebraten mit Sauce und Kloß ist hervorragend, die Stadt hübsch. Und ich bin sehr fremd. Denn dies ist der erste Ort meiner Reise, in der ich mit den Sprachen, die ich kenne, überhaupt nicht weiterkomme. Alles was ich höre, sind böhmische Dörfer für mich. Die Leute gehen anders miteinander um, fällt mir auf. Osteuropäischer. Ein herzlicher Weißrusse probiert an mir sein Englisch und sein Deutsch. Er ist ein Freund großer Gesten und großer Biergläser. Ich schlendere durch die Stadt und sehe ein Antiquariat, dass um 23 Uhr noch geöffnet hat. In der Straße lief gerade ein Filmfest.

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Der Antiquar hat noch zu tun und ich kann in Ruhe in einer gigantischen Abteilung mit deutschen Büchern stöbern. Alles Bücher die vor 1940 erschienen sind. Reichenberg war einmal eine Stadt, die von Deutschen bewohnt war. Die wurden kurz nach dem Krieg vertrieben. Mir war das bisher immer nur als eine der vielen Geschichten vom Krieg präsent. Im Antiquariat von Liberec / Reichenberg wurde mir klar, was das wirklich bedeutet. Ganze Städte wurden entvölkert, weil die Bewohner, deren Vorfahren sich hier um 1500 angesiedelten, das Pech hatten, deutsch zu sprechen.  Klar, ich kenne den historischen Kontext, aber wenn ich vor diesen alten Büchern stehe und mir überlege, dass die früheren Besitzer wahrscheinlich keine Möglichkeit hatten, sie mit zu nehemen, dann bekomme ich ein seltsames Gefühl.  .John Cleese in Fawlty Towers würde jetzt natürlich sagen: „You started it…“

Das Antiquariat hat eine große Abteilung mit Reisebüchern. Diverse Sven Hedin Ausgaben. Ich entdecke den deutsch-böhmischen Autor Richard Katz für mich. Lese gerade einen Reisebericht aus China, Korea und Japan der 30er. Funkelnder Ferner Osten. Mein Vornamensvetter schreibt wach, kritisch, ironisch und ohne Dünkel. Ich habe neben einem anderen schön in Leinen gebundenen Buch von Katz noch „Heitere Tage mit braunen Menschen“ gekauft ein Reisebericht über Indonesien. Der Buchtitel würde von Fanatikerinnen der political Correctnes heute sicher verboten.  Richard Katz war Verlagsleiter des Ullsteinverlags in Prag und musste 1933 emigrieren. Er ging in die Schweiz und dann nach Brasilien, kam aber zurück, weil er Heimweh hatte und starb 1968 in der Schweiz.

Falls die Bücher von Katz noch lieferbar sind: Klare Kaufempfehlung. Richard Katz Bericht über China ist so spannend, weil er ein Auge für lebendige Details hat und weil die Zeit um 1930 in vielem mit heute vergleichbar ist. Die Zeit wird völlig präsent. Dazu kommt, dass wir heute wissen, wie die Geschichte weiterging. Der Autor schreibt und lebt mittendrin.  Apropos Reisebücher. Unterwegs habe ich bisher Paul Theroux „An den Gestaden des Mittelmeers“ gelesen und Bill Bryson „Ein Bummel durch Europa.“ – Reisen um des Reisens willen und darüber schreiben.

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